Monet auf die harte Tour – oder nennen wir es Wuppertal.
Monet in Wuppertal, das Herz schlägt höher. Die größte Werkschau Monets in Deutschland aller Zeiten. Ich gestehe frei heraus. Ich bin ein Impressionisten-Groupy. Ich reise überall hin, wo es impressionistische Gemälde gibt. Wuppertal gehört dabei zu den bislang unbekannten Adressen. Das von der Heydt-Museum in Wuppertal organisiert bis zum 28. Februar 10 eine Ausstellung, die allein Monet gewidmet ist. Als wir in die Turmstraße einbiegen, sehen wir die Menschenschlange. Einige weiter vorn harrten schon zwei ein halb Stunden aus. Und das Wetter entschloss sich bei meiner Ankunft gerade von Nieselregen auf große Tropfen zu setzen. Im Nu wird die Schulter nass. Wer steht da in der Warteschlange für Monet-Gemälde? Rentner, die Generation 60 Plus, meist in Bussen hergekarrt. Die Türsteher, türkischer Abstammung sind schärfer als bei einem angesagten Club. Es ist 11.30 Uhr. Die Warteschlange ist länger als vor den Officien in Florenz. Wut, Zorn und allmählich Gleichgültigkeit steigen in mir auf. Wieso nur wollte ich zur Monetausstellung nach Wuppertal? Ebenmütig und widerspruchslos wie Vieh harren die Besucher zwei ein halb Stunden bei Nieselregen aus. An der Kasse wird für die Monet-Ausstellung mit 12 Euro ein vergleichsweise stolzer Preis verlangt. Zumindest ein überdurchschnittlicher im deutschen Vergleich der Museen, die impressionistische Ausstellungen organisierten. Ich denke da an die noblen Gäste in Hamburg, Monets Nana und Monets leuchtendes Stilgemälde mit Trauben. Was wird uns hier erwarten? Halt. Nicht so schnell. Erst mal heißt es, wieder anstellen. Diesmal an der Garderobe. Dann Treppen steigen. Mir tun schon die Knie weh. Oben angekommen, wieder eher Türsteher-Typen als kunstgeschultes, hilfsbereites Museumspersonal. Uns wird energisch mitgeteilt, dass wir die zweite Etage, also die Monetausstellung nur einmal besichtigen dürfen. Sobald wir die Treppe zum ersten Stock herabsteigen, verfällt die Karte. Also auch nicht ein Getränk mal zwischendurch. Denn das Museumscafé ist im Erdgeschoss. Wieder keine Schonung für die Beine. Resigniert nehmen wir die Weisungen entgegen. Dann die Monets. Endlich. Ja einige Werke sind wundervoll. Der Frühling in Vétheuil, eines der Gemälde hat Monet wie folgt benannt: Les pruniers en fleur – auf deutsch: Die in Blüte stehenden Pflaumenbäume. Zarte Töne entschädigen für das gnadsige Museumspersonal. Danach noch ein Meisterwerk Monets: Printemps à Vétheuil. Diesmal entführt uns Monet in den Vorfrühling. Das Gras ist noch gelb, die Wiesen schimmern feucht und eine Weide entfaltet ihre Weidenkätzchen. Monet erschafft die perfekte Illusion: Licht, die feuchte frische Frühlingsluft, und Schatten – nur getupft. Monet in Wuppertal ist eine große Ausstellung, es sollen 180 Werke sein. Beim Durchschreiten der einzelnen Säle kommen auch weniger erlesene Stücke zum Vorschein. Das Niveau schein graduell abzufallen. Hat man hier nur Monetwerke aus den Kellern von Museen zusammengetragen? Alles nur B-Ware? Fehlen hier die Leihgaben privater Sammlungen völlig, oder sind die Monet-Gemälde einfach nur freudlos zusammengesucht? Frei nach dem Motto: Masse statt Klasse?. Etwas enttäuscht schieben wir uns durch die Tür zu den nächsten Ausstellungssälen. Monets Werke sind nicht immer meisterhaft. Vermutlich lagen noch einige Werke in seinem Atelier herum. Wenn sie ohne den Namen irgendwo herumhingen, würde niemand sie für einen Monet halten, denke ich bei mir. Sie wären ohne Signatur schlicht unverkäuflich. Plasphemie! Ja vielleicht. Meinen großen Meister habe ich sonst nur in Vollendung erlebt, sei es in Stuttgart, wo drei wundervolle Monetgemälde hängen, vor denen man Stunden lang schwelgen kann. Ich denke zum einen an die beiden Landschaftsdarstellungen der zerklüfteten Felsen von Belle Ile und die wundervolle Sommerlandschaft, durch die eine duftig gekleidete Dame schreitet und links neben ihr ein Junge seine Finger durch die hohen Grashalme streifen lässt – alles nur angedeutet. Alles nur hauchzarte Striche. Scheinbar in der Bewegung des flüchtigen Augenblicks. Tritt man näher heran, wird das Gemälde nicht deutlicher, sondern entzieht sich dem Betrachter. Monet kann erhaben sein und Monet kann erheben. Er kann zum Träumen anregen, oh ja. Hier in Wuppertal weniger. Endlich wieder etwas hochkarätiges. Ein Heuschober von Monet: Die ganze Luft scheint die Sommerhitze wiederzugeben, den Staub der Erntezeit. Warme Töne und kühle Schatten. Dieses Gemälde Monets ist einfach sonnendurchflutet. Und rechts daneben, wieder eine andere Stimmung. Wieder ein Heuschober: Diesmal im Morgendunst, vielleicht noch benetzt vom Morgen-Tau. Milchiges Licht umgibt den Heuschober, der so viel Ruhe ausstrahlt, das ich gähnen muss. Sorry, Monet. Ich meine natürlich Excusez-moi. Er ist ja Franzose. Am Ende der Monetausstellung in Wuppertal ein großer Raum mit Oberlicht, in dem die Seerosenbilder Monets ausgestellt sind, also seine Spätwerke. Einige sind Leihgaben des Musee Marmottan Paris. Und das war sie schon, die größte Monet-Ausstellung. Wenig großartiges, viel mittelmäßiges und noch mehr unbekanntes. Die Beine tun weh und wir steigen die Treppe wieder herunter. Die Knie jaulen. Im ersten Stock wartet recht ein dunkler leerer Raum mit vielen abgestellten Koffern in denen Audio-Guides stecken. Abstellkammerscharm macht sich breit. Aber der Schriftzug Vive la France macht neugierig. Wieder ein paar Treppen hoch und man ist im ersten Stock. Einmal um die Ecke und Überraschung. Ein wunderschöner Cezanne strahlt uns entgegen, links pastelige Werke von Edgar Degas. Wundervoll anmutige Darstellungen junger Balletttänzerinnen. Ein Hochgenuss. Rechts ein zarter Sisley und hinter mir ein Werk von Camille Pissaro, das Frische und Helligkeit einer weiten offenen Landschaft ausstrahlt. Und fast schon in der Ecke vier kleine Renoirs. Wer hätte das gedacht? Und dabei haben wir die ganze Ausstellung fast für uns allein. Jetzt die große Herausforderung. Eine Toilette finden. Im ganzen ersten Stock Fehlanzeige. Im Foyer Richtung Shop ein verschlossenes Behinderten-WC. Ich gehe an den Fuß der Treppe zum Olymp, wollte sagen der Monet-Ausstellung. Und bitte den Wachmann um Durchlass zur Toilette oben. Meinen Ehemann lasse ich als Pfand bei ihm. Er mustert ihn. Er scheint überzeugt. So darf ich noch mal nach oben. Vor den Sälen zu Monet wird nun artig angestanden. Und vor der Damentoilette und darin auch noch mal. Ganze zwei Kabinen sind da. Neun Wartente vor mir. Zurück schreite ich mit Erleichterung. Gleite durch die Menge. Noch ein Blick auf den Heuhaufen, den Monet in einer Morgenstimmung erfasst und für uns erhalten hat. Und wieder die Treppe runter. Das war Monet auf die harte Tour – oder nennen wir es Wuppertal.
Monet in Wuppertal
Monet Ausstellung
Claude Monet in Wuppertal
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