In Frankfurt ist alles anders

 


Frankfurt mit dem PKW: die Navi spinnt und geheimnisvolle Botschaften

Schirn-Kunsthalle

Beim Aussteigen im Parkhaus am Römer in Frankfurt haben wir trotz ziemlich zickiger Navi unser Ziel erreicht. Wir wollen zur Impressionismus-, pardon Impressionistinnen-Ausstellung in der Schirnhalle, die eben im Museumsviertel Frankfurt am Römer liegt. Nicht nur dass die Navi mit gesperrten Tunneln überfordert war, jetzt stehe ich vor einem Schild und zweifele an meinen Deutsch-Kenntnissen: Bitte unbedingt schlüsseln, da sonst keine Ausfahrt möglich. Sollte sich die Sprache in der Großstadt schneller entwickelt haben? Kann man jetzt aus jedem Substantiv wie im Englischen ein Verb bilden? Ich stamme vom Lande und dieses sprachutopistische Schild stimmt mich nachdenklich. Mit meinem Landei-Hirn würde ich so was verstehen wie Bitte vor Ausfahrt Schlüsselkarte verwenden. Aber wenn ich schon sprachwissenschaftlich so weit retro liege, bin ich ja im 19.Jahrhundert bei der Impressionismus-Ausstellung gut aufgehoben.

 

Schirn-Kunsthalle

Die Schirn-Kunsthalle öffnet sich wie ein Muschel oder Schneckengehäuse dem Besucher. Die andere Rundhälfte ist das Schirn-Café. Vom Innenhof geht es zu den Kassen. Es ist Samstag und der Andrang entsprechend. 9 Euro die Tageskarte. Die Treppen führen hinauf. Zwei freundliche ältere Damen reißen die Eintrittskarte ab. Die Ausstellungsräume sind in dunklem Violett gehalten, vor deren Wänden die leuchtenden impressionistischen Gemälde sich strahlend schön wie ein Sommertag abheben. Zunächst die Werke von Berthe Morisot, verheiratet mit Manet, die vor allem Porträts und berührende Kinderdarstellungen malte. Sie soll die impressionistischste unter den Impressionisten überhaupt gewesen sein.

Berthe Morisot

Sogar Monet, der sicherlich weit berühmter ist als sie, hatte ein Gemälde von Berthe in seiner Privatsammlung. Ein Mädchen mit Milchschüssel. Leicht wie ein Sommerhauch schreitet sie auf einen zu, dabei hebt sie sich in der Kleidung kaum von der Umgebung ab. Nur das frische Gesicht zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Französische Laute einer Führung für eine französische Reisegruppe dringen ans Ohr. Passt irgendwie. Die Impressionisten kamen ursprünglich aus Frankreich, einige begeisterte Anhänger aus den USA gab es dann auch. Nachdem sie sich offenbar sehr erfolgreich den Malstil abgesehen hatten, findet sich jetzt auch eine Amerikanerin, Mary Cassett in der Ausstellung der großen Impressionistinnen. Kann das eigentlich jeder, sich die Malweise abgucken und dann loslegen? frage ich mich. Malen lernt man im Museum, sagte einst Renoir. Na ja, vielleicht hilft's.

Ah und oh, die impressionistischen Bilder begeistern

 

Berthe Morisot

Eine Leihgabe des Musée d'Orsay Paris führt zu begeistertem ah und oh, ein Mittfünfziger schwärmt wie ein Urlaubstag. Gemeint ist das Bildnis eines Mädchens mit Puppe. Das Gemälde trägt unterschiedliche Titel Fille au Puppet und das Ferienhaus. Es ist irgendwie beides: Ein Frühstück in einem Ferienhaus, zunächst sieht man den Tisch eine Tasse und Kanne und erst dann ein Mädchen am Fenster, das ein Puppe im Arm hält. Es wirkt flüchtig, wie ein vergänglicher Moment. Lichtreflexe auf Haar und Kleid. Daher vielleicht der Ausdruck Impressionismus. Es ist der flüchtige Eindruck, die Impression, und keine detailgetreue Abbildung. Ich bin wirklich retro. Mir gefällt das. Ich würde die Bilder gerne haben. Sie verbreiten richtig gute Laune (nichts gegen die Documenta Kassel, aber da ledigen Welten dazwischen). "Wunderschön!", rufen zwei Mittdreißiger Damen aus, als sie vor einem erwachenden Mädchen von Eva Gonzales stehen. "Diese Töne von Blau!" Gemeint sind die blauen Schatten der Bettdecke. Auf den Gemälden der Impressionistinnen fehlt Schwarz. Ja, eines Tages ging den Malern Monet, Manet, Renoir und ihren impressionistischen Berufskolleginnen das Schwarz aus und der Impressionismus war geboren. Ist das von Renoir? Schade, dass Eva Gonzales, ein solches Talent, so früh starb.

 

Besuch im Schirn-Café: Jetzt müssen wir uns erst einmal stärken ... aber wir kommen zurück

Kuchen

Das Café in der Schirn-Halle sieht nicht teuer aus. Bei Künstlern scheint es nie teuer zu sein. Die Küche wirkt etwas langweilig und nicht so überzeugend, aber das Kuchenbuffet ist toll. Eine große Auswahl an Kuchen und Torten und alles selbstgemacht. Ich werfe meine Kalorienbedenken über Bord und bestelle ein Stück Quarkkuchen mit Rosinen und einmal Kirschkuchen mit gerösteten Mandelsplittern. Dazu schwarzen Tee. Alles übrigens super lecker.

Zurück in der Ausstellung: Poster und Postkarten mit impressionistischen Gemälden

 

Milchschüssel Repro

In der Buchhandlung im Erd- und Untergeschoss des Kunstmuseums werden Bücher, Poster und Kunstpostkarten verkauft. Leider ist mein Mädchen mit der Schüssel nicht dabei. Ich tätige einen Frustkauf und erwerbe Geschenkpapier eines Londoner Rokoko-Künstlers. Auch ganz schön retro. Diese fantasievollen Blumen-Motive. Ich taffe Geschäftsfrau bin schon nach den Gemälden süchtig und verweile vor meinen Lieblingsbildern von Berthe Morisot. Meist stehen da auch Besucher rum, aber den Birnbaum kann wohl niemand leiden, so habe ich ihn für mich.

 

Ich husche zu meinem Mädchen mit der Milchschüssel. Ich muss dieses Bild haben. Mein Mann sagt, dann male es dir. Du meinst ich kann das? Er entgegnet: Das kann doch jeder.

 

 

 

 


 

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