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Deutsch > Englisch: Übersetzung eines Buches - Erlebnisbericht - 300 Seiten

300 Seiten
Erlebnisbericht über 13 Jahre Leben als Schweizer Single und später als Familie in den Slums von Manila,
persönlicher Sozialreport, Armut, Lebensgschichten von Slumbewohnern und darin eingewoben unsere eigene Biographie
in den nächsten paar Monaten (z.B. Oktober)

Beispieltext:
Willkommen in Bagong Silang
9. Juni 1988. Schier endlos reihen sich die merkwürdigsten Behausungen
auf dem leicht hügeligen, von der Tropensonne ausgemergelten
Land aneinander. Über Tausenden von Wellblechdächern
flimmert heiße Sommerluft. Die besseren Behausungen bestehen
aus rohen Zementbacksteinen oder dünnen Sperrholzplatten. Sie
werden umso behelfsmäßiger, je weiter wir uns von der Hauptstraße
entfernen.
Rob Ewing, ein schlanker, blonder Australier, aus dessen hellblauen
Augen der entschlossene Blick eines Siedlers leuchtet, führt
mich immer tiefer in die Armensiedlung hinein. Wir ziehen vorbei
an abgewrackten Hütten. Einige zeigen sich uns wie bunte Collagen
aus alten Reissäcken, Plastikplanen und Pappkartons. Wie
ein Flüchtlingslager in Kriegsgebieten, denke ich, und ein beklemmendes
Gefühl packt mich. Als Weißer bin ich für die Menschen
hier zuerst einmal reich. Ein Fremdkörper. Und trotzdem bin ich
nun mit meinem Begleiter unterwegs zur Unterkunft einer Familie,
in der ich für die nächsten Monate leben soll.
Bagong Silang liegt gut eine Autostunde außerhalb des Stadtzentrums
von Manila. 140 000 Menschen leben hier, schätzt Rob,
aber kaum einer freiwillig; die Menschen wurden hierher deportiert,
weil die illegalen Stadt-Slums, in denen sie vorher hausten,
neuen Quartieren weichen müssen.
„Bagong Silang bedeutet neues Leben“, erklärt mir Rob. „Aber
viele werden hier krank, und täglich sterben Menschen durch verschmutztes
Wasser oder an Hunger.“ Rob Ewing lebt mit seiner
Frau Lorraine und ihrer kleinen Tochter bereits seit drei Jahren
in diesem Gebiet. Um die australische Familie im Dienste der
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SERVANTS hat sich eine kleine Gemeinde von 60 bis 80 Gläubigen
gebildet, die „Living Spring Christian Fellowship“ (wörtlich:
die „Gemeinschaft der Christen zur lebendigen Quelle“). Entstanden
sind zudem ein kleiner Kindergarten und eine Suppen- und
Reisküche, wo ausgemergelte Mütter einmal am Tag ihre unterernährten
Kinder hinbringen. Diese kleine Hilfe erscheint mir in
Anbetracht des Massenelends wie ein schlechter Witz.
Auch den Menschen von Bagong Silang hat man Starthilfe versprochen.
Ein paar Quadratmeter karges Land und eine Toilettenschüssel
aus Keramik sind dann aber auch schon alles, was
die Regierungsbevollmächtigten den Vertriebenen ins neue Leben
mitgeben.
Gleichmäßig verteilt ragen fünf Meter hohe Wassertürme über
das ausgedörrte Land. Die Tanks sind leer und rosten vor sich hin.
Um nicht zu verdursten, versorgen sich die Bewohner aus selbst
geschaufelten Löchern. Das Wasser darin ist verschmutzt durch
unzählige Kotgruben, wo die Menschen in nächster Umgebung
sich ihrer Notdurft entledigen.
Bei den Armen geht man langsam. Und man geht im Spreizschritt
– die Pfade zwischen den Häusern sind schmal, und in der
Mitte verläuft ein Regenwasserkanal, dessen Abdeckplatten von
den unfreiwilligen Siedlern gern als Baumaterial zweckentfremdet
werden.
Wir erreichen das Haus von Nanay (Mutter) und Tatay (Vater)
Rinion. Sofort entsteht ein kleiner Menschenauflauf. Ein paar
kleine Kinder nehmen ohne zu fragen meine Hände und drücken
sie. Neugierig und liebevoll zwicken sie mit kleinen, schmutzigen
Fingerchen in meine Arme. Eine wuchtige Frau, gut über fünfzig,
baut sich vor mir auf. Kreischend und rudernd scheucht sie
die Kinder weg. Dann schaut sie mir in die Augen. Ich fasse ihre
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Hand, neige meinen Kopf und führe ihren Handrücken an meine
Stirn. So bitte ich um ihren Segen; eine schöne alte Geste, die hierzulande
Nähe und Respekt zu älteren Menschen ausdrückt.
„Das ist also Chris aus der Schweiz“, sagt sie in gebrochenem
Englisch. „Keine Sorge Rob, wir werden gut auf ihn aufpassen.“
Ich zweifle keine Sekunde daran. „Chris, du bist jetzt
mein Sohn … und dass du es gleich weißt, ich bin deine Mutter.“
Sie lacht mit rauer Stimme und wirft diskret ihren abgebrannten
Zigarettenstummel weg. „Mutter“ bedeutet in diesem Fall wohl
so viel wie Boss.
Bevor ich irgendetwas sagen kann, zieht sie mich in den kühlen
Schatten ihrer „Sala“, der Wohnstube. Mit schätzungsweise
fünfundzwanzig Quadratmetern entspricht der Raum dem quadratischen
Grundriss des Hauses. Er ist Schlafzimmer, Esszimmer,
Küche, alles in einem. Der Boden besteht aus gestampfter Erde,
die Wände aus unverputztem Zementbackstein. Über der viel
zu niedrigen Holzlattendecke liegt ein Obergemach aus dünnem
Sperrholz, gedeckt mit Wellblech. Offene Aussparungen mit vorgehängten
Reissäcken dienen als eine Art Fenster. Dies wird also
einige Monate lang mein Zuhause sein.
Mir fällt auf, dass es in der Hütte weder Hausaltar mit Kerzen
und Essensopfern noch Heiligenfiguren gibt. Das deutet darauf
hin, dass sich die Eltern vom traditionellen, synkretistisch geprägten
Katholizismus abgewandt haben. Mutter Nanay Rinion stellt
herrlich kaltes Wasser auf den wackligen Holztisch – die Familie
besitzt einen Kühlschrank. Und einen alten Fernseher. Diese beiden
Kostbarkeiten stammen aus dem Ersparten von Noel, dem
ältesten Sohn der sechs Rinion Kinder. Sechs lange Jahre arbeitete
Noel auf Baustellen in der Wüste von Saudi-Arabien. Von seinem
Ersparten ist nichts mehr übrig geblieben, abgesehen von dem
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Fernseher und eben diesem Kühlschrank, der nun ununterbrochen
Eis produziert, außer wenn der Strom ausfällt. Das kommt sehr
oft vor, manchmal tage- oder wochenlang. „Blackouts“ nennen sie
diese Überraschungen. Doch wenn es Strom gibt, verpackt Tatay
Rinion das Eis in Plastik und verkauft es für ein paar Centavos
pro Stück an die Nachbarn. Ein willkommener Nebenerwerb, wie
es scheint.
Noel spricht das beste Englisch in der Familie und soll mein
Sprachhelfer werden. Zusammen mit seiner Frau Josslin und
ihrem sechs Monate alten Baby wohnen und schlafen sie auf
dem einzigen mit Vorhang geschützten bettartigen Holzgestell
in der Sala. Pura, die noch ledige, erwachsene Tochter, und die
zwei Teenagersöhne Beda und Jon-Jon rollen zum Schlafen ihre
„Banik“-Bastmatte aus, wo immer sie Platz finden. Die anderen
beiden Kinder sind bereits ausgezogen und haben eigene Familien,
dafür leben jetzt an ihrer Stelle zwei Hunde und fünf Tauben unter
demselben Dach. Letztere sind das Hobby von Jon-Jon, dem
Jüngsten. An der Außenwand des Hauses steht ein altes Sofa, geschützt
von einem Vordach aus Plastikplanen. Hier schlafen die
Eltern.
Nanay Rinion unterhält sich eifrig mit Rob. Die Sprache der
Filipino gefällt mir. Aber wie ich selber eines Tages diese fremden
und komplizierten Laute beherrschen soll, kann ich mir herzlich
wenig vorstellen. Dabei soll genau dies das Hauptziel meines
ersten Jahres sein: im Zusammenleben mit diesen Menschen ihre
Sprache und Lebensweise zu erlernen.
Vermutlich verhandeln Rob und Nanay über die Ausgaben der
Rinion-Familie. Meinetwegen. Ihre aktuelle Wohnsituation soll
soweit verbessert werden, dass sie für mich erträglich wird. Rob
hat ihnen Geld gegeben, damit sie das WC mit einer verschließ5
baren Tür versehen können. Das WC ist ein Keramiksiphon, über
dem man sein Geschäft in Kauerstellung erledigt. Die unter der
Hütte gelegene Sickergrube scheint mit einer Betonplatte dicht
gemacht. Ein gefüllter Wassereimer mit leerer Konservendose vervollständigt
das Ganze zum Duschraum. Ein Grand Hotel ist es
nicht gerade, aber ich werde es wohl schaffen.
Während wir unter dem Blechdach mit etwas Sperrholz einen kleinen
Schlafplatz einrichten, der mich vor fremden Blicken schützen
soll, trifft Robs Frau Lorraine ein. Sie ist schlank und rothaarig,
durch ihre Körpergröße und ihr helles, sommersprossiges Gesicht
unterscheidet sie sich erheblich von den Filipinofrauen. „Hast du
Interesse, auf ein paar Krankenbesuche mitzukommen?“, lacht sie
mich einladend an. Sie weiß um meine Ausbildung als Pflegefachmann.
Kurze Zeit später halte ich ein runzliges Häufchen mit großen
dunklen Augen in meinen Händen. Es ist das schwer unterernährte
Neugeborene eines Teenagers, für das jetzt die junge Großmutter
sorgen muss. Die kleine Mariebell hat eine Missbildung an Mund
und Rachen, die offensichtlich eine ausreichende Nahrungsaufnahme
verhindert. Ohne professionelle Hilfe hat das Kind keine
Chance.
„Es muss sofort ins Spital“, höre ich mich sagen, realisiere aber
im gleichen Augenblick, wie dumm der Ratschlag ist. Als ob die
Familie das Geld für einen langen Krankenhausaufenthalt hätte! In
den staatlichen Spitälern müssen die Angehörigen Pflege und Verpflegung
selbst bezahlen, ebenso den Transport und die Medikamente,
die hier genauso teuer sind wie im reichen Westen. Lorraine
weist mich darauf hin, dass die Großmutter regelmäßig Milchpulver
aus dem Ernährungsprogramm der SERVANTS bezieht.
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Was können wir also tun? Wir legen unsere Hände und Arme
auf die traurigen Menschen mit ihrem schönen Lächeln und beten
– gegen die Hoffnungslosigkeit und für die Genesung.
Wir treten ins Freie und strecken unsere Glieder; viele der Hütten
sind zu niedrig für uns Europäer. „Magst du nach einem weiteren
kranken Mädchen sehen, gleich nebenan?“, fragt Lorraine.
Vom einen kranken Mädchen zum anderen ist es nicht sehr weit
in Bagong Silang.
„Die Mutter wird bald wieder zurück sein“, erklären uns ein
paar Kinder, die uns ihre Köpfe aus einer Maueröffnung des
Hauses entgegenstrecken. „Sie ist zu einem teuren Doktor gegangen
mit unserer Schwester, sie hat wieder einen ihrer Anfälle gehabt“.
„Bald zurück“, so viel habe ich jetzt schon begriffen, kann alles
heißen. Warten scheint hier zum Leben zu gehören. Die Menschen
besitzen fast nichts außer Zeit, davon aber im Überfluss.
Wir lassen uns auf improvisierten Sitzen aus Gummireifen und
Bambus-Hockern nieder. Wenn nicht die penetranten Angriffe der
Moskitos wären, könnte ich die frische Abendbrise genießen. Es
ist bereits später Nachmittag. Nahe am Äquator bricht die Nacht
plötzlich herein, nach einer kurzen, aber farbenprächtigen Dämmerung.
Für die meisten ist dies die angenehmste Zeit am Tag.
Jung und Alt kommen aus ihren Hütten ins Freie und schwatzen
und spielen und streiten und lachen.
Auf einmal nähert sich uns eine kleine Gruppe von Menschen.
Allen voran springt uns eine junge Frau entgegen, in ihrem Gesicht
nackte Verzweiflung. Auf ihren Armen trägt sie ihre Tochter;
das sechsjährige Mädchen ist unterwegs an einem epileptischen
Anfall erstickt. Kinder in jedem Alter und auch Erwachsene drängen
sich nun um die kleine Leiche. Viele berühren das noch weiche
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Körperchen ein letztes Mal. Es wird laut gebetet und geweint. Wir
weinen und beten mit.
Benommen schreiten wir auf dem Rückweg dahin, jeder für
sich in Gedanken versunken. Ich ahne, dass sich an diesem Ort
niemand wirklich um die genaue Todesursache des Mädchens
kümmern wird. Plärrende Verstärker von alten, überdrehten
Radios und TV-Anlagen und Stimmengewirr unzähliger Menschen
beherrschen die Nachtstimmung im Elendsviertel. Plötzlich
sagt Rob trocken: „Willkommen in Bagong Silang.“ Er weiß, was
mich beschäftigt, und gibt Antwort auf nicht gestellte Fragen.
„Merkwürdig ist, dass Leiden und Sterben dieser Kleinen manchmal
dazu führen, dass Menschen sich in ihrer Verzweiflung an
Gott wenden und dort Trost und vielleicht sogar Kraft für eine
Neuorientierung finden.“
Später am Abend sitze ich unter meinem Moskitonetz und
schwitze. Unter meiner Schlafecke herrscht ein Riesenlärm. An
die vierzig Kinder und Jugendliche der Nachbarschaft drängen
sich um den Fernseher der Rinions. Durch die offene Türe und
die beiden Fensterlöcher zwängen sich Köpfe und kommentieren
mit Gebrüll das aktuelle Meisterschaftsspiel im Basketball. Für sie
war dies ein normaler Tag.
Trotz Müdigkeit und ungewöhnlichem Schlaflager spüre ich
eine Gewissheit, dort angekommen zu sein, wohin ein anderer
mich geführt hat, ohne dass ich danach gesucht hätte. Wie absurd
– und wie wohltuend. Einer alten Gewohnheit folgend, lese
ich noch einige Sätze aus der Bibel, bevor ich mich schlafen lege.
Sie tun mir gut. Meine Ruhe kommt mir absurd vor. Es ist ja nicht
einmal der Tod, der mich beschäftigt; mit sterbenden Erwachsenen
war ich als Krankenpfleger und Sterbebegleiter oft konfrontiert.
Was mir nachgeht, ist die Sinnlosigkeit dieses Todes dieses
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Mädchens, während andere Teile derselben Welt im Überfluss ersaufen.
Das ist absurd, und nicht die Ruhe in mir.

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